Telemedizin im Praxisalltag der ambulanten Medizin

Dr. Ralph Jäger

Ärzte, medizinisches Fachpersonal und Patienten nutzen Telemedizin seit Erfindung des Telefons: Patienten werden beraten und Ärzte führen konsiliarische Erörterungen durch. Warum soll die telemedizinische Versorgung plötzlich so kompliziert sein? Gibt es praktische telemedizinische Anwendungen für den Alltag einer Arztpraxis, eines MVZs oder Pflegedienstes?

Abseits der medizinischen Versorgung hat sich die Kommunikation in den letzten Jahren stark verändert. Vor allem im privaten Umfeld nutzen wir zunehmend digitale Medien für die Kommunikation: Email, Messenger (wie WhatsApp) oder interaktive Webseiten im Internet. Die Vorteile liegen auf der Hand: Wir können uns einfach und mobil austauschen, auch wenn der Kommunikationspartner gerade nicht zur Verfügung steht. Die Datensicherheit und dessen Schutz werden im Hinblick auf diese Vorteile eher nachrangig behandelt.

Warum im Gesundheitswesen der Begriff Fernbehandlung und dessen „Verbot“ eingeführt wurde

Die Fernbehandlung definiert die fernmündliche oder -schriftliche Patientenberatung und -behandlung. Das Fernbehandlungsverbot der Bundesärztekammer soll vermeiden, dass durch eine fehlende persönliche Untersuchung die Behandlungsqualität eingebüßt und damit die Patientensicherheit gefährdet wird. Es bezieht sich vor allem auf dem Arzt unbekannte Patienten. Die individuelle Beratung sowie Weiterbehandlung von (chronisch kranken) Bestandspatienten war schon immer und ist weiterhin erlaubt – das Krankheitsbild sollte dem Arzt allerdings aus einem vorausgegangenen persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt bekannt sein.

Damit nicht nur die Fernbehandlung zwischen Arzt und Patienten betrachtet wird, bezieht der Begriff Telemedizin auch weitere Fälle, z.B. das ärztliche Konsil (Telekonsil), die Begutachtung von Patientendokumenten (Teleradiologie) oder der Austausch zwischen Gesundheitsfachberufen, ein.

E-Health und Hoffnung auf neue digitale Medien: Chancen in der Medizin wahrnehmen

Die neuen digitalen Kommunikationsmedien bieten hier allerdings völlig neue Möglichkeiten. Die Hoffnung besteht, dass sie während einer Fernbehandlung die Behandlungsqualität und Patientensicherheit auch bei unbekannten Patienten gewährleisten können. Deshalb stellte im Mai 2018 die Bundesärztekammer auf dem deutschen Ärztetag eine Lockerung des Fernbehandlungsverbot vor. Ärzte sollen „im Einzelfall“ auch noch unbekannte Patienten fernbehandeln dürfen – unter der Bedingung, dass dies ärztlich vertretbar und die erforderliche Sorgfalt gewahrt ist. Dies betrifft also vor allem dem Arzt unbekannte Patienten und soll eine Fernbehandlung zum Beispiel im Rahmen des Bereitschaftsdienstes ermöglichen.

Was ist an der Telemedizin so kompliziert?

Im Gesundheitswesen werden schon bei der ersten Kontaktaufnahme des Patienten oder auch im ärztlichen Konsil besonders schützenswerte Personendaten sowie sensible Gesundheitsinformationen ausgetauscht. Im Rahmen der DSGVO sind Ärzte und medizinisches Fachpersonal nochmal verstärkt für dieses Thema sensibilisiert worden. Dies betrifft sowohl die persönliche ärztliche Betreuung als auch entfernte Beratungen oder Austausch zwischen medizinischem Fachpersonal.

Während man bisher davon ausgehen konnte, dass man solche Daten in einem Telefongespräch, Brief oder per Fax sicher austauschen darf, liegt der Fall im Einsatz von neuen digitalen Medien anders.

Die Verantwortung wird auf den Arzt übertragen

Trotz der Umsetzung durch erste Landesärztekammern ist noch unklar, wie sich der einzelne Arzt verhalten soll:

  • Könnte ein Patient mit grippalen Beschwerden nicht doch an einer Lungenentzündung leiden?
  • Sind die Bauchschmerzen tatsächlich durch einen Magen-Darm-Infekt bedingt?
  • Sind die thorakalen Beschwerden ein Wirbel-Säulen-Syndrom, eine Interkostalneuropathie oder doch ein Akutes Koronarsyndrom?

Die Verantwortung für die korrekte Einschätzung wird auf den Arzt übertragen. Welche Beratungsanlässe bleiben für eine unverfängliche, rechtssichere telemedizinische Leistung übrig? Sind diese Beratungsanlässe häufig genug, damit aktuelle Versorgungsprobleme im Gesundheitswesen verbessert werden können?

Telemedizin kann den Versorgungsalltag bei einfacher Umsetzung unterstützen

Telemedizinische Anwendungen müssen die Prozesse im Versorgungsalltag einer Arztpraxis, Apotheke oder Pflegedienstes unterstützen. Die eingesetzten Informations- und Kommunikationstechnologien sollen sicher sein und einfach umgesetzt werden können. Diese Ziele können nur erreicht werden, wenn man die bestehenden Arbeitsabläufe der versorgenden Gesundheitseinrichtungen und dessen bisherige Anwendungslösungen betrachtet.

Telemedizinische Anwendung in der ambulanten Medizin

Alltägliche Beispiele Arztpraxis

Der Praxisalltag von Ärzten und Medizinischen Fachangestellten ist durch aufwendige, fehleranfällige und häufig vorkommende Prozesse bestimmt:

  • Der Patient möchte einen persönlichen Arzttermin vereinbaren.
  • Der Patient benötigt ein Folgerezept.
  • Dem Patienten wird morgens Blut abgenommen, er möchte am Nachmittag/abends über die Ergebnisse informiert werden.
  • Der Patient hat eine Rückfrage zu einer medizinischen Behandlung.

Alltägliche Beispiele Apotheke

  • Der Patient möchte ein Medikament vorbestellen.
  • Der Patient hat eine Rückfrage zu einem Medikament.
  • Die Apotheke möchte den Patienten zur Medikation informieren.
  • Die Apotheke möchte mit der Arztpraxis Rücksprache zur Medikation halten.

Alltägliche Beispiele Pflegedienst / Pflegeheim

  • Angehörige haben Rückfragen zur pflegerischen Versorgung des Patienten.
  • Pflegekräfte haben Rückfragen an den behandelnden Arzt.
  • Pflegekräfte möchten die Angehörigen oder den behandelnden Arzt informieren.

Häufigste Kommunikationsmittel: Telefon und Fax

Warum werden für diese häufigsten Prozesse vor allem das Telefon und Fax genutzt?

Vorteile einer telefonischen Kommunikation:

  1. Überall und mobil verfügbar sowie einfach zu bedienen.
  2. Die Sicherheit wird durch eine direkte, persönliche Kommunikation vermittelt.
  3. Deckt alle Anwendungsfälle flexibel ab.

Demgegenüber stehen die Nachteile eines Telefongesprächs:

  1. Aufwand durch eine synchrone (gleichzeitige) Kommunikation (Erreichbarkeit)
  2. Fehleranfälligkeit durch akustisch missverstandene Inhalte
  3. Störung im Versorgungsalltag
  4. Fehlende Verfügbarkeit während Schließzeiten der Arztpraxis oder Apotheke

Der Faxversand soll vor allem die asynchrone Übermittlung von Inhalten gewährleisten. Während die Bedienung weiterhin einfach bleibt, wird die Datensicherheit in letzter Zeit zunehmend in Frage gestellt.

Was können telemedizinische Anwendungen im Vergleich zu bisherigen Lösungen leisten?

Neue telemedizinische Anwendungen müssen sich gegenüber dem Telefon und dem Faxversand behaupten. Dies gilt vor allem in Bezug auf die Integration in den Versorgungsalltag für Arztpraxen, Apotheken und Pflegediensten und dessen Patienten. Dabei sollte vermieden werden, dass die Arztpraxis oder der Patient neue technische Kompetenzen erwerben und aufwändige Komponenten installieren muss, nur damit der Praxisalltag durch eine neue, jedoch weiterhin synchrone Kommunikationsmethode, z.B. Video-Chat, unterbrochen wird.

Im Idealfall kann sich eine telemedizinische Anwendung breit durchsetzen, wenn folgende Faktoren berücksichtigt werden:

  1. Überall und mobil verfügbar, auch bei schlechter Internetverbindung
  2. Einfache Bedienung
  3. Sicherheit: im Idealfall durch eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung (Verschlüsselung vor Datenübermittlung, die Datenhoheit muss beim Patienten oder der Gesundheitseinrichtung liegen)
  4. Asynchrone Kommunikation (falls ein Kommunikationspartner gerade nicht verfügbar ist)
  5. Flexibilität und Abdeckung der meisten Anwendungsfälle im Praxisalltag ohne starre Strukturen (z.B. bei der Terminvergabe, Rezeptbestellung)
  6. Kein Mehraufwand durch Anschaffung neuer Hardware oder Umstrukturierung der bisherigen IT-Infrastruktur einer Gesundheitseinrichtung
  7. Sichere Identifikation und erweiterte Möglichkeiten zur Verifikation der Kommunikationsteilnehmer
  8. Vermeidung von Fehlern durch vornehmliche Nutzung schriftlicher Kommunikation
  9. Einfacher, niederschwelliger Zugang für Patienten auch bei Erstnutzung im häuslichen Umfeld

Wir haben eine Lösung entwickelt, um die Vorteile der Digitalisierung zu nutzen und gleichzeitig die Anforderungen aus dem Praxisalltag zu bedienen: Ein sicherer und einfach zu bedienender Messenger.

Über den Autor
Dr. Ralph Jäger

Dr. Ralph Jäger

Seit 2011 ist er Partner der Gemeinschaftspraxis RegioDocs und führt die Geschäfte von fünf Praxen im Verbund im Schwarzwald. Der Mediziner ist wesentlicher Ideengeber von MediOne und wird auch bei der weiteren Entwicklung der Lösung unterstützen. Als Arzt setzt er in seiner eigenen Praxis bereits seit April 2017 auf die Vernetzungslösung MediOne und konnte die hohe Effizienz im Rahmen des medizinischen Einsatzes erproben.
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